Modified: 29.08.2004

 

Olaf unterwegs vom 18.06.2004 bis zum 27.06.2004.

 

 

Im Juni 2004 habe ich mir mein erstes eigenes Auto gekauft. Und das mußte natürlich gleich ausprobiert werden. Da ich nur einen kurzen Urlaub machen wollte, aber das dringende Bedürfnis empfand, mal wieder in ganz unberührter Natur in den Bergen zu wandern, hatte ich mir die spanischen Pyrenäen als Ziel ausgesucht. Und da von meinen Freunden gerade niemand Zeit und Lust hatte, habe ich mich allein ins Auto geschwungen. Die Fahrt ist definitiv eine ganz schöne Gurkerei, rund 2000km sind's von Hamburg aus bis man in Spanien ist. Der erste Tag verläuft ereignislos, zunächst auf Deutschen, dann auf Französischen Straßen. Bei gutem Wetter geht's über Hannover, Kassel, Frankfurt, Mannheim, Karlsruhe nach Freiburg, dann hinüber nach Frankreich, endlich in Richtung Westen. Die Autobahn in Frankreich ist angenehm leer, da macht das Fahren trotz zunehmender Müdigkeit doch gleich viel mehr Spaß. In einem Rutsch erreiche ich Beaune, wo ich eigentlich übernachten wollte. Doch leider sind die ganzen Billighotels an der Autobahn schon proppevoll, so dass ich über die Landstraße im dunkeln nach Chalon-sur-Saone weiterdüse. Völlig geschafft komme ich gegen 23:00 dort an und finde auch sofort ein Hotelzimmer in einem vollelektronischen Hotel: Bezahlt wird mit Kreditkarte, der Automat am Eingang spuckt dann einen Zettel mit der Geheimnummer aus, die man benötigt, um die Zimmertür zu öffnen. Das ganze ist zwar ein wenig modern und unterkühlt, aber es ist auch billig. Und so müde wie ich bin, würde ich den Unterschied zu einem Luxushotel ohnehin nicht mehr bemerken...

 

Der nächste Tag beginnt viel entspannter. Nur 50km sind es bis nach  Cluny, meinem ersten Reiseziel. Hier stehen die Überreste der einst größten Kirche der Welt, und das in einem kleinen Dorf, das von den alten Bauwerken völlig dominiert wird. Es ist Samstag morgen gegen 8:30, die Anzahl der Touristen ist verschwindend gering und es ist Markt. Es gibt nichts schöneres als in einer französischen Kleinstadt frische Sachen vom Lande einzukaufen, also versuche ich mich mit meinem bisschen Französisch darin, diverse Sorten Ziegenkäse und Marmeladen zu erstehen. Insbesondere die Grüne-Tomaten-Marmelade ist ein echter Gaumenschmaus, wie meine nächsten Mahlzeiten zeigen werden. Gegen halb zehn machen die Museen auf, doch nach dem Marktbummel bin ich nicht mehr in der Laune, stundenlang durch Museen und Ruinen zu tigern, da lege ich doch lieber noch eine anständige Brotzeit ein und mache mich wieder auf den Weg: Es liegen ja heute noch gute 800km vor mir.

 

Wieder auf der Autobahn geht es weiter in Richtung Süden. Zwischen Lyon und Valence der übliche Stau, doch dann geht es zügig weiter in Richtung Mittelmeer. So mancher Ortsname an den Autobahnabfahrten weckt schon die Lust, noch einiges in Frankreich anzuschauen: Der Papstpalast in Avignon, Nîmes mit seinem Amphitheater oder dem Aquädukt Pont du Gard und auch das wehrhafte Aigues-Mortes mit seinen noch erhaltenen Stadtmauern. Aber ich bleibe hart, denn ich will ja eigentlich möglichst viel in Spanien herumreisen. So gelange ich bei La Jonquera an die spanische Grenze und fahre auch direkt durch den gleichnamigen Ort von der Autobahn ab. La Jonquera ist eine echte Katastrophe von Ort, direkt an der Grenze gibt es hier Spielhallen, Zigarettenshops und LKW-Parkplätze, kein Ort, um sich einen ersten Eindruck von Spanien zu verschaffen. Schnell beschließe ich, von hier aus erst einmal in Richtung  Cap de Creus zu fahren, sozusagen zum östlichen Ende der Pyrenäen, direkt am Mittelmeer. Der Weg führt nun in Serpentinen durch eine Hügellandschaft, die mit einzelnen Bämen und Kakteen, mit vielen großen Flechten und ansonsten von Gras bewachsen ist. Das mittlerweile recht regnerische Wetter ist angenehm (ich bin halt ein Nordmensch), auch wenn es meine Urlaubsfotos natürlich etwas grau färbt.

 

Die Straße zwischen La Jonquera und  Port de la Selva lohnt sich nicht nur wegen der schönen Landschaft am Wegesrand, sie führt auch direkt an einer der größten Attraktionen dieser Gegend vorbei: Dem Kloster  Sant Pere de Rodes. Ein wundervoll erhaltenes Benediktinerkloster, in dessen verwinkelten Räumen man sich verlaufen kann, gelegen direkt am Hang mit Blick auf das Mittelmeer. Im Kloster kann man eine Menge Zeit zubringen, bis man alle Räume gesehen hat, in der Umgebung liegen noch weitere Ruinen einer Burg, eines Weilers und einer Kirche. Durch den Regen dieses Nachmittags sieht alles sehr satt und grün aus hier oben auf den Hügeln, die Mönche haben hier früher Wein angebaut. Und bei Regen sind auch einige große, hübsche Schnecken unterwegs. Nach dem Besuch geht es weiter zum Ort Port de la Selva, der malerisch direkt in der Bucht gelegen ist. Ich bechließe, auch gleich diese Nacht im Zelt zu verbringen, die Luft und die Umgebung muss man doch genießen. Den Zeltplatz L'Arola sollte man dabei jedoch nicht in Betracht ziehen, er ist zwar direkt am Meer gelegen, ist aber eigentlich ein hässlicher Parkplatz. Nicht weit weg ist Camping Port de la Selva die schönere Alternative.

 

Früh am nächsten Morgen geht es wieder los. Das  Cap de Creus, der östlichste Punkt Spaniens, ist das erste Ziel. Ein Großteil der ganzen Halbinsel ist ein Naturpark, das Zelten ist hier nicht gestattet, trotzdem fahre ich an einigen verschalfenen Wohnmobilen vorbei. Die Landschaft hier ist etwas unwirklich, zerklüftete Felsen, eine erstaunliche Vielfalt an Pflanzen, der ungebremste Wind vom Mittelmeer. Und Landschildkröten gibt es hier, beinahe hätte ich eine überfahren. Am Cap selbst ist es fast stürmisch, der Wind weht micht fast weg. Und kaum jemand ist hier zu dieser Uhrzeit. Das dürfte mittags in der Hochsaison anders aussehen, das Restaurant am Leuchtturm scheint für größeren Andrang gerüstet zu sein.

 

Vom Cap de Creus geht es wieder zurück ins Landesinnere. An Figueres, das berühmt ist für das dortige Museum von Salvador Dali, fahre ich vorbei, in die Berge soll es jetzt gehen. Erstes Ziel ist das Vulkan-Gebiet La Garrotxa. Aktiv sind die Vulkane hier seit langem nicht mehr, sie sind volständig mit Wald überwuchert, so dass man schon genau hinsehen muss, um einen Krater als solchen zu identifizieren. Ich mache hier eine erste kurze Wanderung bis zum Kraterrand des Santa Margarida. Der Weg ist schattig, es sind hier aber auch jetzt schon eine Menge Touristen unterwegs (es ist ja auch Sonntag). Oben angelangt hat man einen schönen Blick in den Krater, in dessen Mitte eine kleine Kapelle steht. Nach meinen Reisen nach  Island und  Hawaii finde ich den Anblick jedoch nicht unglaublich faszinierend, so dass ich wieder zum Parkplatz zurückwandere. Ich verlasse das Gebiet der Garrotxa und fahre weiter in die Pyrenäen.

 

Über Ripoll geht es weiter gen Westen, auf den Nationalpark Cadí Moixerò zu. Dieser Teil der Pyrenäen spricht mich jedoch nicht sehr an. Das liegt wohl zum einen daran, dass ich doch etwas genervt bin vom vielen Herumfahren, der schlechten Ausstattung dieser Gegend mit Wegsweisern und dem Touristenandrang in der Garrotxa. Zum anderen sind es jedoch die großteils von Nadelbäumen bestandenen Berge, die ich nicht als sehr einladend empfinde. Also fahre ich sozusagen einfach hindurch, Serpentinen herauf, herunter, quer und krumm. Auch bei den Stellen, wo der prägnante rote Sand dieser Gegend zum Vorschein kommt, hat es mich nicht lange gehalten, so dass ich am Ende dieses Tages rund 400km durch die Berge zurückgelegt habe. Mittlerweile ist dies der dritte Tag, den ich zu guten Teilen im Auto verbringe: So habe ich mir das eigentlich nicht vorgestellt. Nach etlicher Fahrerei lande ich aber immerhin dort, wo ich auch wirklich wandern will: In Espot, dem östlichen Zufahrtsort des Nationalparks Aigüestortes. Hier befindet man sich schon mitten in den Bergen auf etwa 1300m Höhe. Am Ende des Dorfes baue ich mein Zelt auf dem schönen, kleinen Campingplatz Solau auf, es ist zwar niemand da, bei dem ich mich anmelden könnte, aber das findet sich dann schon.

 

Früh morgens stehe ich auf, sehe noch, wie ein moderner Schafhirte seine Herde mit dem Auto durch die Straßen treibt und verlasse gut gelaunt den Zeltplatz. Zu diesem Zeitpunkt verläßt auch ein anderes Wesen sein Zelt, offenbar mit dem gleichen Ziel: Dem  Estany de Sant Maurici. Wir kommen ins Gespräch und beschließen, zumindest bis zum See gemeinsam zu wandern und dann mal sehen, wohin es so weitergeht. Das Wesen heisst Bridgette und stammt aus Australien (und als ob das noch nicht weit genug weg wäre auch noch aus Tasmanien). Bridgette ist im Bergwandern deutlich erfahrener als ich und scheint auch mit der Höhenluft kein Problem zu haben. Somit beginnt für mich ein wirklich anstrengender Tag, bei dem ich ihr den größten Teil der Zeit atemlos hinterher stapfe, während sie hin und wieder auf mich wartet, aber natürlich nur so lange, bis ich sie gerade eingeholt habe. Bis zum See sind es nur wenige Kilometer und der Weg ist nicht sehr anstrengend, sondern viel zu gut beschildert für unseren Geschmack. Der Estany de Sant Maurici ist ein künstlich aufgestauter See, der zur Energiegewinnung genutzt wird. Rein optisch ist dies nur durch den wenig ansehnlichen Staudamm auszumachen, ist man an diesem jedoch erst einmal vorbei, so hat man einen schönen Bergsee vor sich. Dort gibt es auch das erste Refugium, ein Unterstand, der sich im wesentlichen dadurch auszeichnet, dass es hier eine große Karte gibt, auf der diverse Wanderwege eingezeichnet sind.

 

Wir rasten ein wenig und beschließen, gemeinsam den Weg bis zum  Portarro d'Espot zu nehmen, jenem Pass, der bei der Querung des Parks in Ost-West-Richtung überquert werden muß. Das bedeutet schon eine recht heftige Wanderung, von etwa 1350m Höhe in Espot bis zum 2424m hohen Pass, das fühlt sich zwischendurch recht anstrengend an. Bridgette geht voran, während ich hinterherlaufe, immer weiter geht es steil bergauf. Von hier hat man schöne Blicke hinunter auf den Estany de Sant Maurici. An einer Weggabelung haben wir die letzte Wahl, entweder nur den See zu umrunden oder aber hoch auf den Pass zu steigen. Wir sind uns einig: Es geht nach ganz oben. Und trotz aller Mühsal, die es mich kostet, weiter und weiter hinaufzusteigen, entlohnt mich die Umgebung hier reichlich. Immer dem Wasser entgegen, das von oben vom Pass her kommt, wandern wir den Bergeinschnitt empor. Hier oben gibt es bereits einige Schneefelder, es ist noch Juni, also ist es auch ziemlich kühl hier oben. Kurz vor dem Gipfel gelangen wir an ein ziemlich steiles, großes Schneefeld. Bridgette steigt kurzentschlossen mitten hindurch, was mir ein wenig sehr riskant aussieht. Nach einer Weile finde ich einen anderen Weg, der nur an einer Stelle ein paar Meter durch das Schneefeld führt. Hinter dem Schneefeld suche ich erst eine Weile nach Bridgette, die ich immer noch mittendrin vermute, aber sie ist schon lange hindurch und bis zum Grat hochmarschiert. Oben auf dem Pass ist es fantastisch: Es ist kalt, alles ist weiss, eisige Seen mit Stränden aus Schnee gibt es hier. Und dann ein schöner Blick hinunter ins andere Tal, wo der See Estany Llong in tiefem Blau leuchtet.

 

Hier oben auf dem Pass habe ich noch eine eisige Foto-Session mit meinen  kleinen Begleitern, bevor ich mich wieder auf den Weg nach unten mache. Das ist auf den ersten Blick gar nicht so leicht, da man am Ende dieser Hochebene keinen weiten Blick am Berghang entlang hat und somit kaum sehen kann, ob ein möglicher Weg wirklich weiter nach unten führt oder nach einigen Metern einfach an einer steilen Stelle endet. Witzigerweise finde ich in dieser Art Blindflug einen Weg nach unten, der durch kein Schneefeld führt, einen Weg also, den ich auf dem Weg nach oben trotz besserer Übersicht nicht gesehen habe. Ein Stück weiter unten treffe ich Bridgette wieder, die in dieser deutlich wärmeren Zone auf mich gewartet hat. Gemeinsam wandern wir wieder hinunter zur Weggabelung und umrunden nun den Estany de Sant Maurici vollständig.

 

Auf diesem Teil der Wanderung trifft man noch auf viele wundervolle Seitentäler, schöne Wasserläufe und einige weitere Seen. Die Landschaft ist weniger karg als auf oben auf dem Pass, die Vegetation ist üppig und grün, der Unterschied ist wirklich beeindruckend. Waren oben auf den nackten Felsen vorwiegend Krustenflechten und Moose anzutreffen, so gibt es hier wieder dichte, bewaldete Areale, die unter anderem die Heimat von baumbewohnenden Strauchflechten sind. Zurück unten am Ufer des Sees sind wir beide ein wenig geschafft, aber froh und glücklich. Der Rückweg nach Espot scheint uns zwar ein wenig länger als auf dem Hinweg, aber es geht stetig ein wenig bergab und ist nicht anstrengend. Wieder am Zeltplatz angekommen, gibt es noch eine Mahlzeit, dann verschwinden wir auch schon in unseren Zelten. Und ich schreibe in mein Tagebuch: Das war die Wanderung meines Lebens!

 

Am nächsten Tag sind wir auf die andere Seite des Nationalparks Aigüestortes gefahren, die in noch gröszlig;erem Maße von vielen Seen geprägt wird. Hierbei fährt man durch das  Vall de Boí, ein von Süden nach Norden gehendes Tal im Südwesten des Parks. Die Fahrt geht durch einige Dörfer, bis man in den Nationalpark hineinfährt. Hier bekommen wir sogar eine kleine Landkarte in die Hand gedrückt, die aber nur bedingt wandertauglich ist. Am Ende der Straße erreicht man den Staudamm des  Embassament de Cavallers, eine riesige Wand aus Beton, vor der sich einige Parkplätze befinden. Hier wandert man zunächst in kleinen Serpentinen hinauf, um dann einen Blick auf den großen See zu genießen. Die Wanderung geht am Ostufer entlang, um dann nach Nordosten talaufwärts in die Berge zu führen. Hier gibt es zunächst eine kleine paradiesische Ebene (wo wir durch einen freundliche Hinweis zweier Wanderer flämischer Herkunft ein erstes Murmeltier zu Gesicht bekommen). Weiter bergan geht es zum Estany Negre, wobei Bridgette immer noch deutlich schneller voranschreitet und mit den beiden anderen vorauswandert. Ich mache stattdessen einige Fotos auf dem Weg und finde die Drei erst oben an der Hütte oberhalb des Sees wieder. Hier gibt es Herzhaftes zu Essen, und wir speisen in dem schönen Holzhaus sehr gemütlich.

 

Nach dem Essen wandern die beiden Flamen wieder bergab, während wir noch die nur wenig höher gelegenen Seen anschauen wollen. Bei bestem Sonnenschein spazieren wir dort oben wieder durch eine recht einsame Welt der Wunder, hier gefällt es uns genau so gut wie am Vortag auf der anderen Seite des Parks. Nach einer Rast suchen wir einen Weg nach unten (der Pfad ist zunächst nicht sehr gut markiert) und zügig geht es wieder hinab zum großen Stausee. Der scheint auf dem Rückweg aber auch deutlich größer geworden zu sein, zumindest werden unsere Schritte immer langsamer. Mit dem Auto fahren wir zurück durch das Vall de Boí bis zum Ort Barruera, wo wir den Abzweig zum Campingplatz zunächst einmal übersehen. Im Dorf gibt es übrigens einen Delikatessladen, der neben diversen Alkoholika auch den hiesigen Honig (Miel de Boí) verkauft.

 

Der nächste Tag wird ein sehr fauler Urlaubstag. Wir fahren ein wenig durch das Vall der Boí und schauen uns die wundervollen  romanischen Dorfkirchen an, die hier in der Abgeschiedenheit der Bergdörfer die Jahrhunderte tadellos überstanden haben. Es gibt mehr als ein Dutzend davon und mehr als die Hälfte davon gehören zum Unesco Weltkulturerbe. Es tut richtig gut, auch mal wieder einen Tag etwas weniger heftig anzugehen und wir können etwas Erholung gut gebrauchen. Nach diesem kulturellen Höhepunkt unserer Reise fahren wir weiter gen Westen, wo auf uns am nächsten Tag der Ordesa-Nationalpark wartet. Zuvor kommen wir durch die touristische Hauptstadt dieser Region, der Ort Ainsa hat noch einen vollständig erhaltenen mittelalterlichen Kern oben auf dem Berg. Die Tatsache, dass hier offenbar so einige Touristen vorbeikommen, hat auch einen Vorteil: Hier gibt es einige Läden, die die Delikatessen des Umlandes verkaufen: Honig, aussergewöhnliche Marmeladen (z.B. Kastanienmarmelade), sehr herzhafte Ziegenkäsesorten und unglaublich gute Schokolade haben wir hier gefunden (und auch im Internet sind diese Läden bereits vertreten, z.B. unter  Sabores de Pueblo). Nach einigem Herumlaufen in der prallen Mittagssonne überlegen wir schon, ob wir direkt hier den örtlichen Campingplatz aufsuchen sollen. Doch eigentlich wollen wir heute schon möglichst dicht an den Nationalpark heran, damit wir gleich morgen früh wieder wandern können. Also fahren wir schon bis zu der Straße, die nach Westen zum  Cañón de Añisclo führt und finden hier den Campingplatz Camping Valle d'Añisclo, den uns alle Reiseführer verschwiegen haben. Er liegt direkt an einem Fluss, es gibt auch eine schöne Badestelle, die allerdings nur für Hartgesottene geeignet ist: Der Fluss ist wirklich eiskalt. Hier vebringen wir einen sehr ruhigen Nachmittag, schauen einer Gruppe von Kletterern zu, die sich an der nahegelegenen Brücke abseilen, und lesen noch ein wenig. Ein schöner, sonniger und sehr entspannter Tag.

 

Am nächsten Morgen geht es wieder recht früh lost, der  Cañón de Añisclo steht auf dem Programm. Die Fahrt zum Cañón ist bereits ein Erlebnis: Wir folgen der nördlichen Straße zwischen Escalona und Nerin, die nach kurzer Zeit bereits tief in eine Schlucht führt. Sie verläuft auf der einen Seite direkt an (und z.T. eher unter) der Felswand, auf der anderen Seite wird sie durch den Fluß begrenzt, der im Laufe von Jahrtausenden diesen Weg tief in das Felsmassiv geschnitten hat. Der Cañón de Añisclo zweigt nördlich von dieser Schlucht ab, von einem Parkplatz aus beginnt die Wanderung, die zunächst einmal über eine schöne, alte Brücke (oder aber auch über eine sehr hässliche, neue Brücke direkt daneben) den Fluß quert. Man folgt einfach immer dem Flußlauf durch das Tal, immer ein wenig den Bergen entgegensteigend, eine Rundwanderung ist hier nicht möglich, d.h. es geht in jedem Fall wieder auf demselben Pfad zurück. Die Wanderung selbst verläuft im Schatten der Felsen und zum größten Teil durch den Wald, die Steigungen sind bis auf einen etwas anstrengenderen Abschnitt kurz vor dem Ziel sehr leicht. Unser Ziel ist die Lichtung La Ripareta, die man sehr unvermittelt erreicht. Es lichtet sich der Wald und man gelangt auf eine kleine grasbewachsene Ebene, alles sieht sehr satt und grün aus hier. Hier rasten Bridget und ich erst einmal und ich habe wieder einen Fototermin mit meinen beiden  kleinen Reisebegleitern.

 

Dann geht es wieder zurück, diesmal doch etwas schneller als auf dem Hinweg, da es bergab geht und der Weg ja schon bekannt ist. Insgesamt ist die Wanderung durch den Cañón nicht so sensationell, wie sie in den meisten Reiseführern beschrieben ist, wir haben den weiten Blick in die Berge doch ein wenig vermisst. Doch die Blicke auf den Fluss, der sich oftmals um große Felsblöcke windet, sind schon faszinierend. Da wir die Straße durch das Flusstal sehr faszinierend fanden, haben wir noch eine Runde zurück zum Campingplatz gedreht (hin auf der südlichen Trasse, zurück wieder auf dem nördlichen Stück) und sind dann weiter zur Westseite des Nationalparks gefahren. Hier lockt uns wieder die große, weite Bergwelt, das Vall de Ordesa mit seinen wundervollen Bergen. Wir bleiben auf dem Campingplatz in Torla, der ein wenig abseits der Straße liegt. Von hier hat man bereits einen wundervollen Blick auf die Berge am Eingang des Ordesa-Tals, ein wundervolles Gefühl am Fuße der Pyrenäen im Freien zu übernachten. Nach einem gemeinsamen Abendessen fallen wir recht erschöpft in die Zelte: So eine Wanderung und die viele frische Luft machen doch ganz schön müde.

 

Heute ist der Tag unserer letzten gemeinsamen Wanderung. Für mich geht es dann wieder so langsam in Richtung Hamburg, Bridgette wird zunächst einmal nach Barcelona fahren, um dann über Paris nach Down Under zurückzukehren. Aber noch sind unsere Gedanken hier in den wundervollen Bergen, zwischen denen wir nun wieder einen großartigen Tag verbringen. Wir fahren in den hinein in das  Ordesa-Tal bis zum Parkplatz (der in der Hochsaison nur mit Bussen von Torla erreicht werden kann: Schon jetzt in der Vorsaison ist er gut gefüllt). Hier sind doch insgesamt viel mehr Menschen unterwegs, als wir es bisher in den Pyrenäen kennengelernt haben. Vom Parkplatz führt die Hauptwanderroute direkt in der Talsohle entlang, aber das ist nicht unser Ziel. Wir überqueren gleich den Fluss Río Aras und wandern dann einen Jagdweg hinauf bis zur Punta Acuta. Der Weg steigt 700m steil den Berghang hinauf und erfordert schon eine gute Kondition, nach einer ¾ Stunde ist man oben. Bei Nässe oder gar Eisglätte ist dieser Weg gefährlich, aber auch für mich, der ich nicht Schwindelfrei bin und einen mächtigen Respekt vor gefährlichen Höhen habe, ist der Weg kein Problem. Oben angekommen findet man nur glückliche Gesichter, denn die wesentliche Anstrengung des Tages ist für alle hier oben bereits geschafft. Von hier aus kann man direkt oben am Berghang in das Ordesa-Tal hineinwandern. Die Absätze im ansonsten sehr steilen Hang der Pyrenäenberge ziehen sich an manchen Stellen kilometerlang durchgängig am Hang entlang und sind oftmals breit genug, um darauf entlangzuwandern. So eine sog. Faja haben wir jetzt vor uns: Die Faja de Pelay. An manchen Stellen geht sie direkt an der Steilwand entlang, manchmal ist sie breit genug für kleine Waldstücke und Wiesen. Ein wundervoller, idyllischer Weg liegt vor uns, der uns beschert, was wir ersehnt haben: Weite Blicke auf die anderen Berge und hinab in Tal, das sich weit unter uns erstreckt.

 

Der Weg führt mit nur leichtem Gefälle am Hang entlang, während die Talsohle langsam dem Weg entgegensteigt. Am Ende des Tals treffen sich beide und genau dort befindet sich der Wasserfall Cola de Caballo, der dort durch einen schmalen Einschnitt in den Bergen hinunter ins Tal stürzt. Für die richtigen Bergsteiger beginnt der Weg hier erst, von hier kann man zum Refuigio de Góriz hochsteigen und einige Klettertouren unternehmen. Wir haben jedoch den schönsten Teil des Tages hinter uns und wandern auf dem breiten, sehr stark frequentierten Weg zurück in Richtung Parkplatz. In mitten einer wahren Menschenflut wandern wir auf der Hauptwanderroute des Ordesa-Tals. Landschaftlich ist es jedoch auch hier sehr schön, an vielen Stellen bildet der Río Aras schöne Wasserfälle, bei denen das Wasser oftmals über viele Treppenstufen schrittweise hinunterfließt. Dieser Rückweg kommt uns schon ziemlich lang und ermüdend vor und die Hinweise in manchen Reiseführern, unsere Runde lieber in entgegengesetzter Richtung zu unternehmen, erscheint uns ganz schön anstrengend: Dann würde man wirklich den ganzen Tag bergan steigen und hätte am Ende einen sehr steilen Abstieg, der eher kraftzehrend denn erholsam sein dürfte. Nach einem wundervollen Tag fahren wir zurück nach Torla, wo ich noch einige Postkarten erstehe. Wir diskutieren noch ein wenig, wo ich am nächsten Tag Bridgette am besten wieder so absetzen kann, damit sie einen Bus nach Barcelona bekommt, der Abschied ist also nah. Recht spät steige ich in meinen Schlafsack, nachdem ich noch 12 Postkarten in einem Rutsch geschrieben habe.

 

Heute ist ein etwas melancholischer Tag. Zum einen trennen sich heute unsere Wege, ich setze Bridgette unterwegs ab, damit sie den Bus zurück nach Barcelona nehmen kann. Zum anderen ist es schon Zeit, an den Rückweg zu denken, ein langer Tag im Auto liegt vor mir. Wieder geht es früh los, damit Bridgette den Bus ab Viella noch rechtzeitig erreicht. Wir fahren also ein Stück des Weges zurück nach Südosten, wieder durch Ainsa, viele Serpentinen bergauf und bergab, durch den langen Tunnel von Viella und sind schließlich da. Zum Abschied tauschen wir noch unsere Daten, ich werde Bridgette wohl bei meiner Australienreise besuchen kommen. Und dann geht es wieder alleine weiter. Einmal durch die Pyrenäen und auf der französichen Seite hoch bis an die Atlantikküste. Dort mache ich noch Halt in Biarritz, bei 30° im Schatten und sengender Sonne komme ich in diese völlig andere Welt aus Badenixen, Boutiquen und Spielcasinos. Das Casino von Biarritz ist übrigens ein sehr schöner Art-Deco-Bau, wie man ihn nur selten finden wird. Die Lage des Strandes zwischen den hohen Küstenfelsen ist toll. Nach einer kurzen Rast am Strand fahre ich wieder weiter. Der Weg führt an Bordeaux vorbei, dem ich einen Besuch abstatten möchte. Aber meine Erwartungen werden nicht erfüllt, statt einer schönen Hauptstadt des Weines finde ich eine Großstadt mit riesigem Industriehafen. Das schöne am Bordelais findet man definitiv weiter außerhalb in den Dörfern und den Chateaus. Nun wird es wirklich Zeit, noch ein paar Kilometer zu fressen, bis nach Tour an der Loire führt mich die Reise. Hier sind alle Billig-Hotels völlig ausgebucht, ein großes Folklore-Festival findet hier statt, ein Hotel-Parkplatz ist gefüllt mit über 30 alten Gangsterlimousinen von Citroên, die Hochsaison hat hier bereits begonnen. Nach einer langen Suche komme ich auf dem Weg zum letzten Hotel meiner Liste an einem Zeltplatz vorbei und es geht ja nichts über eine Nacht im Zelt. Also bleibe ich hier. Paradoxerweise findet das Folklore-Festival direkt vor dem Zeltplatz statt, so dass ich offenbar viel dichter dran bin, als all die anderen Besucher. Dabei finde ich die laute Musik eher nervig. Ich bin aber doch ziemlich kaputt und schlafe schneller ein, als ich gedacht habe.

 

Es ist Sonntag und der große Sprung in die Heimat liegt vor mir. Aber etwas Urlaub will ich der Reise noch abtrotzen und so fahre ich gleich morgens nach  Chartres südwestlich von Paris, wo eine der großen gotischen Kathedralen steht. Der Weg zur Kathedrale ist leicht zu finden, schon bei der Anfahrt auf Chartres erhebt sich die riesige Kirche über alle Häuser der Stadt, sie dominiert die ganze Ebene, in der Chartres liegt. Die Kathedrale selbst ist ein wirklicher Schatz, sie gehört zum Unesco Weltkulturerbe und ist einer der wenigen Orte, wo noch viele mittelalterliche Glasmalereien original erhalten geblieben sind. Ebenfalls berühmt ist der Bau für sein unzähligen Figuren, die sich in den drei großen Portalen der Kirche befinden. Besonder liebgewonnen habe ich jene Figuren, die Tiere und Wesen darstellen, die die ausführenden Künstler offenbar noch niemals gesehen hatten. So befindet sich am Nordportal in einer Reihe von Sternzeichenfiguren auch ein Skorpion, der bis auf seine sechs Beine ziemlich wenig mit dem Original gemeinsam hat. Ebenso geht es den zahlreichen Darstellungen von Löwen an den Portalen. Den ganzen Vormittag verbringe ich damit, die Kathedrale zu erkunden, dann geht es auf die lange Reise zurück nach Deutschland.

 

Über Paris geht es ostwärts nach Luxembourg (das erstaunlich niedrige Benzinpreise hat), von dort über Bitburg in Richtung Köln. Hier gilt es dann, einen üblen Stau recht weiträumig zu umfahren, über Dortmund schaffe ich es noch bis nach Münster. Dort übernachte ich auf dem 4-Sterne-Campingplatz, eine Einrichtung, die als Gelddruckmaschine gedacht ist: Warmes Duschen kostet extra, die normale Übernachtungspauschale für Auto, Zelt und eine Person ist astronomisch hoch, so dass ich mein Auto vor dem Campingplatz abstelle. Am nächsten Morgen fahre ich noch gute Freunde in Münster besuchen, mein Frühstück dort geht von etwa 9:00 bis 15:00. Nach einem Besuch auf dem Friedhof treffe ich auch noch meinen Chef in einem Cafe am Aasee, und erst recht spät abends geht es dann endgültig zurück nach Hamburg. Was für ein Urlaub! Im Prinzip eine richtige Weltreise mit unglaublich vielen schönen Eindrücken, und das in nur 11 Tagen. Natürlich wäre etwas mehr Zeit an vielen Stellen schön gewesen, gerne hätte ich noch mehr Bergsteige-Erfahrungen gesammelt und noch mehr Orte am Wegesrand besucht. Aber mehr war einfach nicht zu schaffen und erschöpft und glücklich schlafe ich mal wieder in einem richtigen Bett ein.

 

 
Literatur:
 

Pyrenäen-Handbuch. Michael Schuh. Reise Know-How Verlag Peter Rump GmbH, Bielefeld, 2003. ISBN: 3-8317-1164-X.

Pyrenäen - Frankreich, Andorra, Spanien. Tobias Büscher. DuMont Reiseverlag, Köln, 2003. ISBN: 3-7701-6039-8.

Weitere Literaturverweise und Links gibt es in den Seiten zu den einzelnen Orten, die im Text verlinkt sind.

 

 
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