Modified: 12.04.2005

 

Olaf & Silke unterwegs vom 30.07.1998 bis zum 31.08.1998.

Im August 1998 waren wir in Island. Die Reisegruppe bestand aus Silke & mir, zwei ausgesuchten Fahrrädern, einem Zelt und einer Menge Abenteuerlust. Die Flugreise war einigermaßen unkompliziert, wenn man die Bahnfahrt nach Düsseldorf außer Acht läßt. Nachts um kurz vor 0:00 kommt man in Kevlavik (dem einzigen internationalen Flughafen Islands) an. Das ist jedoch nicht weiter schlimm, da vom nahegelegenen Campingplatz dort schon ein Bus wartet, der die Zeltbesessenen ans Ziel bringt. Kleine erste Hürde ist der Zeltaufbau in dunkler Nacht. Der Campingplatz ist sehr empfehlenswert, es besteht die Möglichkeit, in Ruhe die Fahrräder zu montieren und auch einiges an Material (z.B. Fahrradkartons) während des Islandaufenhalts dort einzulagern.

Unsere Reiseroute lief zunächst an der Südküste der Halbinsel entlang nach Osten. Bereits am ersten Tag haben wir dabei festgestellt, was Island an Anstrengungen zu bieten hat. Das Ende der Etappe verlief auf einer Schotterpiste, Schlaglöcher und heftige Steigungen an jeder Stelle, ein Platten, abends wurde es dann auch noch kalt. Kurz und gut: Wir haben unser Tagespensum bei weitem nicht geschafft und durften uns deswegen auch noch nach einer geeigneten Zeltstelle im Naturschutzgebiet umsehen. Zelten ist da eigentlich nicht erlaubt, es gab jedoch einen Zeltplatz, der offenbar nicht in Betrieb war, den wir jedoch gerne genutzt haben.

Das Wetter in Island macht eine solche Reise zu einer echten Herausforderung, wie wir im weiteren Verlauf feststellen mußten. Eine Reise durch das Landesinnere, das Hochland, kommt ohnehin nur im Juli oder August in Betracht. Manche Pässe werden erst Anfang Juli freigegeben, vorher sind sie wegen Regen und Schneeschmelze nicht zu befahren. Etwa ein Drittel unserer Tage in Island hat es stark geregnet, Kleidung zu trocknen wird dann zu einem kleinen Problem, insbesondere, wenn man in der Wildnis oder auf kleinen Campingplätzen ohne Trockenraum zeltet. Wer aber mit diesen Dingen leben kann und auch bei Windstärke 8 (je nach Aufenthaltsort im stürmischen Regen oder im Sandsturm) noch keine schlechte Laune bekommt, der hat mit Island SEIN Reiseland entdeckt.

Unsere Reise führte uns von nun an direkt nach Osten, zunächst nach Þorlákshöfn. Dies ist ein nicht überragend schöner Ort, allerdings mit einem kleinen Zeltplatz am Schwimmbad, auf den der Wind direkt vom nahen Meer herüberweht. Wer keine Angst um sein Zelt hat, fühlt sich hier bestimmt geborgen. Weiter gings über Selfoss, Hella und Laugaland zum Riesencampingplatz Galtalækjarskógur. Wenn nicht gerade das Riesenkonzert am ersten Augustwochenende läuft, läßt es sich hier mit Blick auf die Hekla, einen großen Vulkan, prima aushalten. Geht man am Ufer des Flusses am Rande des Campingplatzes ein wenig entlang, so findet man auch eine Stelle, an der offenbar einige Sedimentschichten von Wind und Wetter zu seltsamer Gestalt geformt wurden.

Von nun an führt der Weg ins Hochland von Island. Das bedeutet Natur pur: Keine asphaltierten Wege, keine überbrückten Flüsse, Wüste und die einsame Straße. Mit dem Auto schon streckenweise nicht einfach (nichts für normale Stadt-Autos), mit dem Fahrrad unglaublich anstrengend und unglaublich schön. Die Landschaft wird immer schöner, und nach mancher Strapaze erreicht man  Landmannalaugar einen wirklich märchenhaften Platz. Landmannalaugar bedeutet übersetzt "Die warmen Quellen der Landmänner", hier fließen ein kalter und ein siedend heißer Fluß in einem kleinen Becken zusammen. Je nach Abstand zum heißen Zulauf des Beckens kann man sich die geeignete Badetemperatur aussuchen. Drumherum die bunten Berge aus Ryolith-Gestein, eine unglaubliche Gegend. Auf jeden Fall sollte man einmal dem etwas beschwerlichen Weg entlang des Lavastromes folgen, um oben am Berg die Schwefeldämpfe zu schnuppern, die feucht und warm hier aus der Erde steigen. Die Erde ist hier völlig gelb und übersät mit kleinen Schwefelkristallen. In den Haaren sammelt sich sofort der Wasserdampf, so daß sich überall kleine Wassertropfen bilden. Von hier oben kann man auch prima überblicken, wie sich der Lavastrom aus dem Berg bis in das Tal ergossen hat.

Von Landmannalaugar aus sind wir zunächst nach Osten die F22 entlang gefahren, die später dann in Richtung Südküste abbiegt. Eine Etappe, bei der mehrere Flüsse gefurtet werden müssen und die einige heftige Steigungen zu bieten hat. Dafür trifft man auf eine phantastische Landschaft mit außergewöhnlichen Felsformationen. Der Ausblick von so manchem Punkt ist unbezahlbar und das anstrengende Radfahren wird mehr als belohnt. Im Auto entgeht einem da doch so einiges. Das Ende der Etappe bildet die Eldgjá, die mit 40km Länge der längste Spaltenvulkan der Erde ist. Diese Eruptionsspalte tat sich im 18. Jahrhundert auf und gibt noch heute einen Eindruck von den mächtigen Kräften der Natur, insbesonders wenn man in der Spalte steht und zu beiden Seiten so weit das Auge reicht diesen Riß durch die Erde verfolgen kann. Bekannt ist auch der Ófærufoss, ein kleiner Wasserfall, der sich in die Felsspalte ergießt und bis vor einigen Jahren von einer kleinen natürlichen Brücke überspannt wurde (heute ist sie eingestürzt).

Der Hof Búland ist die einzige Zeltmöglichkeit hier, die Umgegend der Eldgjá ist ein großes Naturschutzgebiet. Entsprechend teuer ist das Zelten hier auch (und das Duschen!). Von hier aus sollten wir unsere heftigste Etappe starten. In der Talsenke hatten wir uns zwar schon auf einen leichten, anhaltenden Nieselregen eingestellt, als wir dann aber aus der Senke herauskamen, erfaßte uns ein heftiger Wind. Die Fahrräder waren kaum zu halten (zumal mit dem ganzen Gepäck), der Wind fing sich in den Fahrradtaschen und peitschte uns der Regen ins Gesicht. Wie wir später erfahren sollten, hatte uns ein Sturm mit Windstärke 8 einen Strich durch die Rechnung gemacht. Umkehren wollten wir nun wirklich nicht, also wurde gekämpft, bis die Kräfte nachließen. 8 Stunden später hatten wir die sensationelle Leistung von 30km absolviert, bauten unser Zelt kurz hinterm Straßengraben auf und fielen völlig erschöpft um. Mein Fahrrad wurde mir vom Wind einmal beim Schieben aus der Hand gerissen, beim Sturz brach der hintere Gepäckträger an mehreren Schweißnähten. Zum Glück hatten wir, dem Rad-Reiseführer folgend, Schlauchschellen dabei, mit denen man solche Defekte gut beheben kann. Andere Radler hatten an diesem Tag ebenfalls kein Glück. Ein Pärchen, das von Landmannalaugar nach Norden durch die Sprengisandur fuhr, brach die Etappe in dem Sandsturm ab und kehrte nach Landmannalaugar zurück. Sie benutzten für die nächsten Etappen erst einmal den Bus...

Die nächsten Etappen sollten sich deutlich freundlicher gestalten. An der Südküste in Richtung Osten fährt man durch die Sander der Skeiðará. Eine Wüste aus schwarzem Sand, die vom Gletscher hier abgelagert wurde. Im Sommer besteht Sandsturmgefahr, abseits der Straße muß man sich vor Treibsand hüten. Auf das Wetter sollte man vor der Durchquerung achten, denn ein Zelt läßt sich hier im Gletschersand kaum aufbauen. Im Trockenen und in einem herrlichen Schwung absolvieren wir auch diese steigungslose Etappe und landen an einem weiteren Höhepunkt der Reise: im Skaftafell Nationalpark. Hier hat man einen Teil des Vatnajökull, einem riesigen Plateaugletscher, zum Nationalpark erklärt. Skaftafell liegt in einem relativ windgeschützten Winkel des Gletschers, so daß hier die Erosion nicht zu heftig am wirken ist. Daher wachsen hier sogar halbhohe Bäume, während diese im Rest von Island eher selten sind. Empfehlenswert ist eine Wanderung zur westlichsten Gletscherlagune. Hier trifft man zunehmend weniger Touristen an (zumindest bei schlechtem Wetter wie auf unserer Tour) und kann die einsame Gletscherlagune in Ruhe in Augenschein nehmen.

Weiter ging es nun wieder mit dem Fahrrad bis zur nächsten Attraktion: Die Gletscherlagune Jökulsárlón. Kurz vorher gibt es noch eine weitere Lagune (Breiðárlón), die jedoch nicht ganz so phantastisch ist wie Jökulsárlón, dafür allerdings auch nicht so stark bevölkert von Touristen. Auf der Lagune Jökulsárlón treiben viele kleine Eisberge umher, die von der Gletscherkante abgebrochen sind. Sie schmelzen hier so lange vor sich hin, bis sie klein genug sind, um vom ablaufenden Wasser gen Meer geschwemmt zu werden. Leider fahren alle paar Minuten Boote mit Touristen über den See, so daß das ruhige Wasser aufgewühlt wird. Die Bootsfahrt ist superteuer, dafür aber umso kürzer und bringt die Eisberge auch nicht viel näher als ein Spaziergang entlang des Ufers. Schön wird die Lagune gegen 17 bis 18 Uhr, wenn die letzten Touristenbusse weggefahren sind. Nun können die wenigen Individualreisenden, die auf dem kleinen Wiesenstück am Souvenirshop ihre Zelte aufgebaut haben, in Ruhe die Sonne über den Eisbergen untergehen sehen, wobei sich Himmel und Wasser rot färben und sich in ein Feuerwerk von Farben verwandeln.

Weiter führte uns die Reise an der Längsseite des Vatnajökull entlang bis nach Höfn. Bei strahlendem Sonnenschein radelten wir an den vielen Gletscherzungen vorbei, von denen stets ein eisiger Wind zu uns herüberwehte. Vor jeder Gletscherzunge also die Jacken anziehen, ist man vorbei, darf man sich des Teils wieder entledigen. Die Etappe nach Höfn war eine der längsten unserer Tour, ließ sich aber auf Grund des sonnigen Wetters und der nicht vorhandenen Steigungen leicht bewältigen. Von Höfn aus nehmen wir am folgenden Tag den Bus, um in dem uns zur Verfügung stehenden Monat auch noch andere Gegenden Islands zu bereisen.

Die Busfahrt führt uns an den Mývatn, was soviel wie Mückensee bedeutet. Der See ist bekannt für seine vielen Vogelarten, die hier den Sommer verbringen. Und diese wiederum kommen wegen der vielen kleinen Fluginsekten, die hier so zahlreich in der Luft umherschwirren, daß sie eine echte Plage sind. Sie können offenbar nicht stechen, aber man sollte beim Radfahren immer den Mund geschlossen halten... In der Nähe des Mývatn befindet sich ein sehr aktives Vulkangebiet. Hier kann man Erdspalten, Vulkankrater, brodelnde Schlammlöcher und Solfataren (Schwefelquellen) beobachten. Silke durfte oben auf dem Kraterrand der Krafla ihren dreißigsten Geburtstag begehen und fernab jeglicher Zivilisation zwei eigens zu diesem Zweck mitgebrachte Türklinken putzen. Neben der Krafla befindet sich das noch dampfende, heiße Lavafeld eines Ausbruchs von 1984. Die Lava ist hier noch total schwarz, weder Moose noch Flechten haben sich hier bereits angesiedelt. Die Abwärme der Lavafelder wird übrigens als Energiequelle genutzt, es gibt manchmal auch Führungen durch das Kraftwerk. Nach einigen Trips zu Fuß und mit dem Fahrrad durch diese unwirkliche Umgebung führte uns der Bus weiter bis nach Akureyri, der Hauptstadt des Nordens. Hier haben wir das einzige Mal in einem Hotel übernachtet (ich habe es im Zelt nicht mehr ausgehalten) und haben einmal den botanischen Garten (!!!) besucht, bevor wir mit dem Bus den Westen Islands anfuhren.

Bei Dalsmynni haben wir uns vom Busfahrer absetzen lassen, um an der Wegkreuzung dort von der Ringstraße abzubiegen und die Halbinsel Snæfellsnes zu erkunden. Diese wird oft als "Island in der Nußschale" beschrieben, da hier viele der isländischen Besonderheiten (z.B. Lavafelder, Gletscher, Fjorde und erloschen Krater) auf engem Raum besichtigt werden können. Ziemlich am westlichen Ende der Halbinsel steht denn auch noch der Gletscher Snæfellsjökull, ein relativ kleiner Eisklotz, unter dem ein erloschener Kegelvulkan liegt. Hier ließ Jules Verne übrigens seine Helden in Reise zum Mittelpunkt der Erde in die Tiefe steigen. Für uns war Snæfellsnes einfach nur eine wundervolle Landschaft. Auf dem Weg entlang der Nordküste bis nach Stykkishólmur konnten wir uns an Blaubeeren richtig satt essen (es gibt dort einige etwas abseits der Straße) und im Ort lachte uns ein herrlicher Sonnenuntergang an. Am Beginn der Stichstraße nach Stykkishólmur haben wir am Straßenrand noch schöne Muschelschalen in Mengen gefunden, wir haben das Rätsel, wie diese hierher gelangt sind, jedoch nicht lösen können.

Stykkishólmur selbst ist hübsch, ein malerischer Fischerhafen, ein schöner Blick auf die zahlreichen kleinen Inseln im Fjord Breiðafjörður, und eine merkwürdig anmutende postmoderne Kirche kennzeichnen ihn. Es gibt einen netten Campingplatz und ein Hostel im Ort, wobei das schwarze Brett im Hostel gut geeignet ist, sich über weitere Aktivitäten zu informieren. Wir haben mit einem der Einwohner eine Bootsfahrt durch den Fjord gemacht, dabei auch eine der Inseln erkundet und über die Vogelwelt hier gestaunt. Es war schon Ende August, so daß wir hier nur einzelne Papageientaucher gesehen haben, die meisten waren wohl schon wieder auf der Reise. Aber endlos viele Kormorane und auch einige Seehunde waren unsere Fotomodelle, und die Landschaft ist wirklich etwas für das Auge. Die Inseln selbst bestehen aus Basalt, der sich oftmals in Reihen aus sechseckigen Säulen um die Inseln zieht. Dieses Phänomen kann man in Island an mehreren Stellen beobachten, in Irland kommt es nur an der Nordküste vor (der Giant's Causeway), auf Hawaii sind auch hin und wieder die basaltenen Sechsecke zu finden. Unser Führer und Kapitän hat uns auch noch gezeigt, wie groß der Fischreichtum in diesem Gebiet ist, einen bloßen Haken nur eine Minute durch das Wasser gezogen, und schon gab es Fischfilet für die Passagiere (wir waren zu viert).

Von Stykkishólmur aus haben wir auch eine Fahrt mit der Fähre über den Fjord gemacht, die Fahrt beinhaltet einen Zwischenstop auf der Insel Flatey und geht dann nach Brjánslækur. Dieser Ort ist ein guter Ausgangspunkt für eine Tour durch die Westfjorde, den einsamen Nordwesten Islands. Wir hingegen hatten nur ein ganz bestimmtes Ziel: Suturbrandsgil. Der Name bezeichnet eine kleine Felsschlucht, mit der es eine geologische Bewandnis hat. Es ist eine der wenigen Stellen auf Island, an der es Sedimentgestein gibt, und wohl die einzige Stelle, an der man Versteinerungen von Pflanzen gefunden hat. Anhand der Funde von Suturbrandsgil hat man sich ein Bild der Flora der vergangenen Jahrmillionen machen können. Der Fundort steht unter Naturschutz und das Mitnehmen von Versteinerungen ist streng untersagt. Wir haben einige Stücke gesucht und gefunden und sind dem guten Vorbild einiger voriger Besucher gefolgt: Wir haben die Steine gut sichtbar auf Felsblöcke gelegt, sie dort fotografiert, und sie für unsere Nachfolger dort liegen gelassen.

Suturbrandsgil liegt übrigens auf einem Privatgründstück, so daß man den Besitzer des zugehörigen Hofes um Erlaubnis fragen sollte, bevor man dort hinwandert. Wir fanden im Gehöft nur den Senior der Familie, der kein Wort Englisch verstand. Nachdem wir in unserer Verzweiflung ihm den Namen "Suturbrandsgil" in unserem Reiseführer gezeigt haben, antwortete er mit einer unendlich tiefen, freundlichen Stimme mit einem betonten "Uppa" (was wohl soviel bedeutet wie "Dort hinauf"), wobei er in Richtung der Schlucht zeigte. Wir haben diese freundliche Geste wohl zu Recht als Erlaubnis interpretiert und uns auf den Weg gemacht. Die Wanderung führt an einem Bach entlang durch immer felsigere Wiesen, stets ein wenig bergauf, bis man nach einer guten halben oder dreiviertel Stunde das Zeil erreicht. Auf dem Weg haben wir auch einige beachtlich schöne, große Flechten bestaunen können (insbesondere ich, Silke als diplomierte Mikrobiologin kannte so etwas schon von Expeditionen nach Sibirien und sonst wo her und konnte ganze Vorträge dazu halten).

Die Schlucht selbst ist wunderschön und recht einsam (wir waren alleine dort), und es war einer der seltenen Sonnentage unseres Urlaubs. Nach einer ersten Erkundung hat Silke die Ruhe sichtlich genossen, während ich noch weiter fotografiert habe. Was für ein wunderbarer Ort, was für ein gemütlicher Tag. Die Bilder sagen wohl alles... Wir sind am selben Tag mit der Fähre wieder nach Stykkishólmur zurückgefahren, wobei wir noch einen schönen Sonnenuntergang zu sehen bekamen. Dieser Tag alleine war schon die ganze Island-Reise wert.

Am nächsten Tag ging es wieder mit dem Fahrrad weiter, die Westspitze der Halbinsel wollten wir umrunden, um uns so langsam wieder Richtung Reykjavík zu bewegen. Aber erst einmal gings es herum um den Snæfellsjökull mit seinem eisigen Gipfel. Auf diesem Weg begegnet man vielen kleinen Vulkankegeln und einigen warhaft merkwürdig geformten Felsen. Einer davon ist der Kirkjufell (Kirchenfelsen), der wirklich den Eindruck einer gotischen Kathedrale mit ihren Strebepfeilern macht. Direkt an der Nordspitze neben dem Leuchtturm gibt es die Felsen Lóndrangar, zwei spitze Felsnadeln direkt an der Küste. Hier war heftiger Regen unser Begleiter, so daß wir die Stichstraßen, die zu einigen schönen Buchten führen, allesamt ausgelassen haben. Der Wind wurde immer stärker, mein Tachometer bekam erste Aussetzer vom Regen (und zeigte zwischendurch dann auch mal 247 Stundenkilometer an) und wir wurden immer matter. Etwas erschlagen kamen wir in Buðir an, einem sehr vornehmen Hotel mit winzigem Zeltplatz, wo wir schnell unser Zelt aufbauten und noch schneller in den Erschöpfungsschlaf fielen. Dafür hatten wir am nächsten Tag bestes Wetter und eine Straße, die sich vom Fels- und Sandweg zu einer glatten Asphaltpiste entwickelte. Nach den ersten 50 Kilometern hatte Silke Schwierigkeiten mit den Handgelenken, so daß wir die Fahrräder tauschten. An meinem Rennlenker sollte sie eine bessere Griffposition finden. Das klappte offenbar so gut, daß Silke mir auf dieser Etappe glatt davon fuhr und wir erst nach weit mehr als 100 Kilometern in Borganes Halt machten.

Borganes ist recht malerisch am Fjord gelegen, aber das Wetter war nicht sehr einladend, so daß wir uns gleich am nächsten Tag auf die Weiterreise machten. Hierfür benutzten wir den Bus, da man den Tunnel unter dem Fjord nicht mit dem Fahrrad benutzen darf und wir nicht bei Regen einmal drum herum radeln wollten. Daher fuhren wir direkt nach Reykjavík durch, wobei das Wetter auch hier nicht besser war. Die Region von Reykjavík beherbergt etwa 200.000 Einwohner Islands, also etwa 2 zwei Drittel. Da offenbar kein vernunftbegabter Isländer auch nur auf die Idee käme, sich mit dem Fahrrad zu bewegen, nehmen auch die Autofahrer keinerlei Rücksicht auf Radfahrer. Wir wurden mehrmals von Autofahrern völlig durchnäßt, die neben uns mit unverminderter Geschwindigkeit durch tiefe Pfützen fuhren. Nach nur einem Tag hatten wir deshalb genug (obwohl man in Reykjavík nett einkaufen kann) und besuchten die Geysire und den Wasserfall Gullfoss, diesmal mit dem Linienbus. Der Gullfoss ist riesig, er fällt über zwei schräg versetzte Stufen in einen 70 Meter tiefen Canyon, und überall ist weißer Wasserdampf. Den Canyon hat der Gulfoss im Laufe der Jahrtausende selbst in das Basaltgestein gegraben, an seinem Ufer sind wieder die typischen sechseckigen Basaltsäulen zu sehen. Eine Art natürlicher Terrasse ermöglicht, direkt auf der Höhe des Zuflusses am Wasser zu stehen und diesem mit dem Blick in die Tiefe zu folgen.

Nur eine kurze Busfahrt vom Gulfoss entfernt ist die wohl berühmteste Sehenswürdigkeit Islands zu sehen, der Geysir (der dieser Art von Naturerscheinung den Namen gegeben hat). Der Geysir selbst ist mittlerweile nur noch sehr wenig aktiv, aber direkt daneben gibt es einen weiteren, den Strokkur (deutsch: Butterfaß), der regelmäßig etwa alle 10 Minuten seine bis zu 25m hohe Wasserfontäne in die Luft wirbelt. Interessant ist es, beim Ausbruch des Strokkurs genau hinzusehen. Zuerst bildet sich eine tiefblaue Wasserglocke, die zunächst langsam in die Höhe wächst. Dann wird diese durch eine plötzlich in der Mitte aufsteigende, dünne Wassersäule zerrissen, die in die Höhe schießt. Die Wasserglocke ist eigentlich viel bizarrer anzusehen als die bekannte, weiße Wasserfontäne, wie die Bilder vielleicht zeigen. Einige Becken mit heißem, brodelndem Wasser laden zu einer weiteren Erkundung dieser dampfenden Landschaft ein, so daß man den Touristenmengen ein wenig ausweichen kann.

Nach einem weiteren, recht regnerischen Tag in Reykjavík sind wir bei freundlichem Wetter ein letztes Mal aufgebrochen, um zum Flughafen zu gelangen. Eine einfache, ebene Etappe führte uns ein letztes Mal durch die Lavafelder Islands, diesmal jedoch an der recht befahrenen Straße entlang. In Keflavík angekommen mußten wir wieder unsere Fahrräder preparieren, sie diesmal sogar einpacken in entsprechend große Plastikbeutel und uns ein wenig beim Check-In mit dem Flughafen-Personal herumschlagen, die unser Fahrrad mit ins Freigepäck einrechnen wollten. Aber auch dieses Problem ließ sich lösen, so daß wir wieder mitten in der Nacht dieses Land verließen, in dem wir einen Monat lang unterwegs waren. Nach 32 Reisetagen, mehr als 1700 Fahrradkilometern, mit 7 kg weniger Körpergewicht und mit vielen unvergesslichen Erinnerungen waren wir trotzdem auch wieder froh, in die Zivilisation zurückzukehren. Ich wußte gar nicht, wie sehr man sich einfach nur über ein schönes warmes Bett oder sogar ein sauberes, gebügeltes Hemd freuen kann... ;-)

 

 
Literatur:
 

Literatur zu dieser Reise:

Island per Rad. Ein Fahrrad-Reiseführer. Ulf Hoffmann. Verlag Wolfgang Kettler, Neuenhagen, 1995. ISBN: 3-921939-88-7.

Geologie von Island. Gesteine und Landschaften. Þorleifur Einarsson. Verlag Mál og menning, Reykjavík, 1994. ISBN: 9979-3-0690-4.

 

 
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