Modified: 31.07.2004

Malerisch an der Garonne gelegen ist Toulouse, ein Juwel der Romanik und Gotik. Toulouse liegt am alten Pilgerpfad zu den Gebeinen des St. Jakobus, die in Santiago de Compostela ruhen. Einige großartige Kirchen und gut erhaltene Klosteranlagen finden sich hier.

 

 
 
St. Sernin:
 

Der Name St. Sernin ist eine Variante von St. Saturninus, des ersten Bischofs von Toulouse. Die Kirche St. Sernin beherbergt die Reliquien dieses frühen christlichen Märtyrers. Der heutige romanische Bau wurde etwa 1070 bis 1080 begonnen, erst im 14. Jahrhundert wurde er zunächst vollendet. Weitere Gebäudeteile folgten im 16. Jahrhundert. Überraschend ist der Anblick der Westfassade von St. Sernin, die keine Türme besitzt: Die beiden geplanten Westtürme wurden niemals gebaut. Stattdessen verfügt der Bau über einen herrlichen, achteckigen Vierungsturm, der eine Höhe von 65m erreicht. Während die unteren drei Stockwerke des Turms mit romanischen Rundbögen als Fensteröffnungen versehen wurden, sind die Fenster der oberen zwei Stockwerke von Giebelbögen bekrönt, eine Anlehnung an die römische Architektur.

 

Das Innere der Kirche wurde nach den Erfordernissen einer Pilgerkirche gestaltet. Der Chor ist zu drei Seiten vom Rest der Kirche abgeteilt, um ihn herum führt ein Chorumgang, in dem die Reliquienschreine ausgestellt sind. Auf diese Weise konnten Pilgerer durch eines der Westportale die Kirche betreten, durch das Haupschiff direkt in den Chorumgang schreiten, die dort gezeigten Reliquien sehen und nach einer Umrundung des Chores wieder gen Westen die Kirche verlassen. Dieser Rundgang beeinträchtigt den im Chor abgehaltenen Gottesdienst der Priester nicht.

 

Die Innenausstattung von St. Sernin ist sehr sehenswert. Ein herrliches Chorgestühl, der Altar von 1096, der von Papst Urban II. eingesegnet wurde, viele Zierkapitelle (vorwiegend im Bereich des Querhauses). Besonders schön ist auch das Relief im Chorumgang, das einen segnenden Jesus zeigt. Die Ecken zeigen die  Evangelistensymbole. Interessant ist auch das Miniatur-Modell der Kirche, das im Chorumgang an der Decke hängt.

 

 
 
Jakobiner-Kloster:
 

Die Jakobiner-Kirche und die zugehörige Klosteranlage in Toulouse sind Prachtexemplare der Gotik. Die Kirche selbst ist eine Hallenkirche, sie wächst inmitten der umliegenden engen Gassen in die Höhe. Zur Kirche gehört noch der Rest eines Klosters, den man gegen Eintritt auch besichtigen kann. Direkt nördlich schließt sich ein Kreuzgang an die Kirche an, Kapitelsaal, Sakristei und Refektorium sind ebenfalls noch erhalten. Die Klosterräume werden heute für Kunstausstellungen und für Musikaufführungen genutzt, letzteres kann die ruhige Atmosphäre des Kreuzganges sehr verzaubern.

 

Die Kirche ist nicht zuletzt auf Grund der Tatsache bekannt, daß sie die Gebeine von Thomas von Aquin beherbergt. Doch auch Ihr Inneres ist sehr ungewöhnlich: Es ist eine zweischiffige Halle, so daß in der Mitte der Halle eine Reihe von massiven Pfeilern in die Höhe ragt. Die übliche Position des Altars mittig vor dem Chor kommt somit nicht in Frage, da der Altar dann genau zwischen zwei Säulen stünde. Stattdessen steht der Altar in der Mitte der Nordwand, die Sitzreihen laufen jeweils von Westen, Süden und Osten auf den Altar zu.

 

Der Bau wurde 1230 begonnen. Es folgten mehrere An- und Umbauten, bis der fertige Zustand im Jahre 1336 erreicht wurde. Der Turm wurde ab 1292 errichtet und zeigt den für Toulouse typischen Stil auf (er trug bis 1795 auch eine Spitze, vgl. auch  St. Sernin). Sehr schön sind die Gewölberippen des Chores, die einen elfzackigen Stern bilden. Die stimmungsvolle Atmosphäre in der Kirche wird durch herrliche Buntglasfenster erzeugt. Das Glas der Fensterrose im nördlichen Schiff stammt aus dem 16. Jahrhundert, viele Fenster wurden jedoch im 19. Jahrhundert zerstört. Ihre Neugestaltung erfolgte zwischen 1925 und 1964.

 

 
 
St. Etienne:
 

Saint Etienne in Toulouse ist auf den ersten Blick ein sehr merkwürdiger Bau. Zum einen sieht die Westfassade sehr gestückelt und unvollendet aus, zum anderen scheint die ganze Kirche ein Flickwerk zu sein. Am Augenfälligsten wird dies, wenn man im Inneren der Kirche steht. Der Ostteil ist ein gigantischer, gotischer Chor, eine eigene Kathedrale. Er ist doppelt so breit wie der ältere, romanische Westteil, so daß dieser wie ein kleinerer Anbau wirkt. Der Innenraum wirkt wie über Eck gebaut. Beide Kirchenteile wurden erst im 16. Jahrhundert auf Beschluß vom Cardinal Jean d'Orleans miteinander zu einem Gebäude verbunden.

 

Der Ostteil ist von außen einheitlich im gotischen Stil gehalten. Ursprünglich sollte der Chor bis zu einer Deckenhöhe von 40m reichen, jedoch wurde Anfang des 17. Jahrhunderts nach einem Brand des Dachstuhls die heutige Decke in nur 28m Höhe geschlossen. Der Westteil ist ursprünglich romanisch, wurde jedoch bis ins 20. Jahrhundert stetig ergänzt, so daß die Westfassade durch einen Teil im Flamboyant Stil des 15. Jahrhunderts geprägt wird. Die Fensterrose ist gotisch, sie wurde im 13. Jahrhundert gefertigt. Der Glockenturm entstammt dem 16. Jahrhundert und erreicht eine Höhe von 55m.

 

Der Innenraum des Chores wirkt sehr geräumig und licht. Direkt am Verbindungsteil zwischen Ost- und Westteil trägt ein riesiger Pfeiler die hier auftretenden Druckkräfte des Gewölbes. Hoch oben an der nördlichen Abschlußwand des Chores hängt die Orgel von St. Etienne. Unterhalb davon befinden sich Gemälde des 16. Jahrhunderts. Beeindruckend ist auch der sehr maßlose Altar aus dem 17. Jahrhundert. Auf dem Platz vor der Westfassade befindet sich übrigens der Griffoul, der älteste Brunnen in Toulouse.

 

 
 
Augustiner-Museum:
 

In einem ehemaligen Augustiner-Kloster ist heutzutage ein wunderschönes Museum untergebracht. Das Museum bietet eine Ausstellung von Gemälden und vielen hervorragenden Plastiken des Jugendstils. Insbesonders werden dort jedoch Teile der Kirchen von Toulouse gezeigt, die sich (z.B. aus konservatorischen Gründen) nicht mehr an oder in den ursprünglichen Gebäuden befinden. Hierzu gehört die Präsentation von Kapitellen fast aller Kirchen von Toulouse. Sie befindet sich passenderweise in einem neu eingezogenen Obergeschoß der ehemaligen Klosterkirche. Eine ganze Heerschar von Wasserspeiern bevölkert den Kreuzgang des Klosters, weitere Räume zeigen gotische und romanische Skulptur und mittelalterliche Inschriften.

 

 
 
St. Pierre des Cuisines:
 

Die Kirche St. Pierre des Cuisines liegt im Südwesten des Stadtzentrums (oberhalb der Garonne). Sie wird nicht mehr als Kirche benutzt, sondern wurde im Inneren zu einem Konzertsaal umgestaltet. Auf diese Weise verbindet sich das architektonisch Anspruchsvolle des Äußeren mit dem muskalisch Anspruchsvollen der aufgeführten klassischen Konzerte. Im Inneren kann man jedoch auch noch die Überreste der freigelegten Vorgängerbauten der Kirche sehen, eine frühchristliche Basilika und eine vorromanische Kirche.

 

 
 
Verweise:
 

Die  Stadtverwaltung von Toulouse hat eine Präsentation einiger Monumente von Toulouse auf ihrem Server.

Einen kurzen Text zu  St. Etienne liefert  Art'Toulouse.


 
Literatur:
 

Basilika Saint-Sernin, Quitterie & Daniel Cazes, Editions Sud-Ouest, Luçon, 1994. ISBN: 2.87901.120.5.

The Church of the Jacobins in Toulouse, Führer in der Kirche erhältlich.

Visite guidée de la Cathédrale Saint Etienne de Toulouse, Hrsg: Société Nouvelle Lescuyer, Villeurbanne, 1997. Erhältlich in der Kirche  St. Sernin.


 
 
 Anregungen, Lob und Kritik nehme ich gerne entgegen.